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Identität, Identitätsentwicklung, Veränderung von Identität

Identität und deren Veränderung, Identitätsentwicklung

Die Identität eines Menschen ist nicht unveränderlich, sondern unterliegt einem permanenten Veränderungs- und Anpassungsprozess an die eigene Umwelt, daher istIdentitätsentwicklung beinahe inhaltsgleich mit dem Begriff der Identität. Identitätsentwicklung, greift lediglich den besonderen Aspekt der kontinuierlichen Veränderung der Identität hervor. Die Umwelt beeinflusst die Identität eines Menschen aber der Mensch gestaltet gleichzeitig auch seine Umwelt. Daher ist Identitätsentwicklung gleichzeitig ein in Interaktion mit der Umwelt stehender Prozess sowie der gegenseitigen Beeinflussung und Gestaltung. Wenn wir hier von Identitätsentwicklung sprechen, so meinen wir die aktive Gestaltung der Identität durch eine Person oder eines Teams bzw. Organisation.

„Ich kann nichts dafür. Ich bin so.“ las ich am Bahnsteig auf dem T-Shirt eines zehnjährigen stark übergewichtigen Jungen. Er und vermutlich auch seine direkte Umwelt sind wohl davon überzeugt, „Identität“ und das daraus abgeleitete Verhalten seien etwas Unveränderliches. Mit seinem Spruch verhindert er selbstwertschädigendes Feedback – und die Aufforderung zur persönlichen Identitäts- und Verhaltensveränderung. Was er vorpubertär propagiert, machen andere ein Leben lang und glauben noch als 50 Jährige, ihre Eltern, ihre Kindheit oder andere Umstände seien für ihr aktuelles Verhalten verantwortlich. Das schützt sie vor der Bemühung, sich verändern zu müssen und verhindert gleichzeitig ihren Lern- und Veränderungsprozess.

Identitätsentwicklung ist dynamisch

Identität, so glauben viele, sei etwas, was man in den ersten Lebensmonaten bekommt, das quasi mit dem ersten selbst ausformulierten „ich“ oder „ich bin der Max“ unveränderlich gebildet ist. Die Soziologie beschreibt Identität (lat. idem „[ein- und] derselbe“) nicht mehr als festen, sondern als einen dynamischen Begriff. „Identität verändern“ ist also nicht mehr nur etwas für Fremdenlegionäre und Geheimdienste. Wir alle haben bereits unsere Identität verändert im Laufe der Jahre. Wir waren „Schüler“, „Auszubildender“ oder „Student“, wir entwickelten uns vom „Kind“ und „Jugendlichen“ zum „Erwachsenen“, wir wurden vom „Freund/Freundin“ zum „Partner/Partnerin“ oder zu „Vater/Mutter“. Und im beruflichen Lebensweg definierten wir unsere Identität („ich bin ein(e) …“) möglicherweise zu Beginn über unseren Ausbildungsweg, später über die Tätigkeit oder die Kompetenz, wer weiter aufstieg über die Hierarchieebenen-Berufsbezeichnungen wie „Führungskraft“, „Manager“ oder Rollen wie „Geschäftsführer“ oder „Unternehmer“.

Identitätsentwicklung lebt von Wiederholungen

Wir können uns verändern und wir haben es in der Hand, unser Leben zu gestalten. Es gibt fünf identitätsbildende Einflüsse:

  • Feedback „Du bist ein …“,
  • Denken „Ich stelle mir vor ein … zu sein“,
  • die Beobachtung „Wenn man ein … ist, verhält man sich …“ (auch Modellernen und Lernen aus Vorbildern) und
  • das Probehandeln „Verhalten im Geiste ausprobieren“, quasi „as if“.
  • das Handeln als „idem facere“ (identifizieren), „dieselbe Sache immer wieder tun“.

„Wer einmal mit dem Gartenschlauch gespritzt hat“, so möchte ich einen Kunden zitieren, „ist noch lange kein Feuerwehrmann“. Wer zum ersten Mal eine Rede hält, ist dadurch noch kein Redner. Wer ein Mal seine ganze Siedlung bekocht, ist noch kein Koch. Aber wer das täglich 10 Jahre lang tut, wird sich möglicherweise als „der Dorfwirt“ bezeichnen. „Eine Sache immer wieder tun“, „denken“, „beobachten“, „gesagt bekommen“ unterstützt den Wandel genauso wie „Dinge anders tun und dann immer wieder anders tun“. Identitätsentwicklung lebt von Wiederholungen.

Identitätsentwicklung beginnt im Kopf

Wenn ich keine Mitarbeiter habe, bin ich keine Führungskraft. Aber wie kann ich dann eine werden? Auf neue Situationen bereiten wir uns „gedanklich“ vor. „Probedenken“, nennt Freud das. Ein Aspekt des Probedenken ist: Wir sehen uns in unserer Umwelt um und suchen nach Modellen und Vorbildern. „Passt das zu mir?“ oder „will ich das?“, so fragen wir uns auf der Suche nach dem richtigen Modell für uns und unser Verhalten. Wir vergleichen dabei unsere Innenbilder mit Außenbildern, immer und immer wieder. Diese „Modelle“, nach denen wir uns dabei orientieren, können real oder erdacht sein. Unser Gehirn macht da keinen Unterschied. Wir können uns also eine Welt vorstellen, die wir uns erschaffen wollen und werden genau diese dann auch erschaffen. „Selbsterfüllende Prophezeiung“ gibt es auch im positiven Sinne. Deshalb ist für visionäre Führer (engl. leadership) das Vordenken und die Entwicklung einer klaren Vorstellung der erwünschten Zukunft auch so wichtig. Um seine Identität zu gestalten muss man aber keine Führungskraft sein – Identitätsentwicklung beginnt im Kopf – bei jedem von uns.

Identitätsentwicklung verändert uns physikalisch – auch wenn wir nicht wollen

Schon längst hat man herausgefunden, dass unser Gehirn keineswegs „unveränderlich“ ist. Selbst im hohen Alter können Teile des Gehirns andere ersetzen und komplett neue Strukturen aufbauen. Wir können sowohl unser Gehirn physikalisch als auch uns verändern. Jeder Denk- und Wahrnehmungsprozess sowie jedes Verhalten beeinflusst unsere Zellstruktur und sogar die Genstruktur in unseren Zellen.* Wir können unser Leben, uns und unsere Identität verändern und gestalten. Wir können uns entscheiden, das eine zu tun – oder das andere. Und so kann Identitätsentwicklung auch eine bewusste Form der Entscheidung sein – und des Trainings bzw. der laufenden, bewussten Anpassung und in der Folge der physikalischen Veränderung meiner Selbst.

Die Gedanken sind frei, oder? Identitätsentwicklung ist nicht „sachlich“

Es steht in unserer Macht und in unserer eigenen Verantwortung, uns und unser Gehirn aktiv zu verändern. Wenn wir dabei glauben, wir könnten darüber „sachlich“ entscheiden, was wir denken, dann leben wir in einem Irrtum. Neuste Forschungen ergaben, dass unsere Entscheidungen „wertegeprägt“ sind. Wer sagt, dass „Gewinn“ wichtiger ist als „Umsatz“, „Quartalsergebnisse“ wichtiger als „Nachhaltigkeit“, „Vertriebsorientierung“ wichtiger als „Kundenorientierung“ oder umgekehrt? Es sind unter anderen die Werte, nach denen wir in einer fein geflochtenen Werte-Hierarchie handeln und sowohl uns selbst als auch unsere Umwelt beeinflussen. Wir können uns „bewusst“ entscheiden, jedoch nicht gleichzeitig nur aus einer rein sachlich-nüchternen Perspektive. Unsere Gefühle und unsere Intuition, unsere Werte und Vorstellungen, unsere Ängste und Hoffnungen – alle spielen mit bei der Entwicklung unserer Identität.

Brille putzen, Brille wechseln oder lieber alles ausblenden? – Manchmal blockieren wir unsere eigene Identitätsentwicklung selbst

Welche Werte „wichtiger“ sind oder „richtiger“ basieren wiederum auf Annahmen von der Welt, sog. „Glaubenssätzen“, die durch Erziehung, Sozialisation (zum Beispiel in Gruppen, durch Kommunikation) oder Tradition (in großen Gruppen wie z.B. Regionen, Kulturen) entstehen. Verändern wir unsere Annahmen, hat das u. a. Auswirkungen auf unsere „Identität“, unsere Werte (-Hierarchie) sowie unsere Integration in eine bestimmte Gruppe, in der wir uns bewegen (Gruppenkohäsion = Zusammenhalt der Gruppe und die Anpassung an und innerhalb einer Gruppe). Weil die Auswirkungen so vielfältig sind, wollen wir unsere Weltanschauungen“ (= unsere inneren Landkarten und Annahmen von der Welt) nicht gerne verändern.

Deshalb muss jeder Aufruf zur Veränderung vor allem innere Hürden überwinden, bis er wirklich gehört wird. Wir wollen „nicht wahrhaben“, „hören oder sehen nicht hin“ oder „wehren uns mit Händen und Füßen“ gegen innere und äußere Appelle, sich zu verändern. Doch die Umwelt verändert sich und auch manche unserer Denkprozesse und Handlungen machen uns krank. Unterstützt uns unsere bisherige Identität nicht mehr beim erfolgreichen „überleben“ in der aktuellen Zeit und der aktuellen Umwelt, erfordert das ein „Umdenken“ und Identitätsentwicklung bzw. Identitätsveränderung. Es gibt viele Einflussfaktoren, die Veränderungen unseres Denkens, Verhaltensveränderungen oder Verhaltensanpassungen notwendig machen.

Verhaltensveränderungen sind bisweilen schwierig, insbesondere, wenn sie der aktuellen Identität widersprechen. Daher ist Identitätsveränderung einer der wirksamsten Hebel zur Veränderung von Verhalten.

Verhaltensveränderung als eine Folge von Identitätsveränderung

Identitätsveränderung oder Identitätsanpassung machen Verhaltens- oder Gewohnheitsveränderungen leichter:

  • Als „Sachbearbeiter“ unter gleich gesinnten Kollegen die Urlaubsvertretung zu übernehmen ist schwieriger, als in der Identität „stellvertretender Abteilungsleiter“. Fülle ich meine Identität voll aus, habe ich mir über meine „Identität“, d.h. auch über meine Werte, meine Glaubenssätze und mein Verhalten mindestens unbewusst bereits Gedanken gemacht. Auch habe ich Zielvorstellungen entwickelt, an denen ich mein Verhalten ausrichten kann.
  • Kinder zum Wandern zu motivieren kann unter Umständen schwierig sein. Auf einer Alpenwanderung entwickelten meine Kinder aus sich heraus die Identität „wir sind Naturforscher“ und entdeckten begeistert und stundenlang ohne Energieeinbrüche die Natur links und rechts des Weges.

Das alles ist eng verbunden mit „Identität“ und dem Prozess, sich mit einer Rolle, Aufgabe oder Gruppe zu „identifizieren“ und sich von Gruppen abzugrenzen bzw. zu differenzieren.

Meine (Ihre) aktuelle Identität ist durch Handeln und tägliches Tun entstanden, aber auch durch Denken, Selbstgespräche und Entwickeln sowie Verändern eigener Vorstellungen über sich selbst. Durch Kommunikation mit mir selbst und mit anderen haben sich dabei meine Gehirnstrukturen verändert und mich zu dem gemacht, der ich bin. Ich habe aktiv Identitätsentwicklung betrieben.

Identitätsentwicklung bedeutet, Aspekte meiner Persönlichkeit aktiv zu verändern

Wir können also unsere Identität aktiv verändern, wir können Werte hinterfragen und unsere Annahmen von der Welt überdenken und ändern. Wir können Zukunftsvorstellungen entwickeln und verändern. Wir können Glaubenssätze, Grundhaltungen und Grundannahmen überprüfen und verändern. Wir können unseren persönlichen inneren Auftrag (persönliche Mission) hören, entdecken und beeinflussen. Wir können unsere Fähigkeiten identifizieren und ausbauen, unser Verhalten beeinflussen und verändern, unsere Umwelt gestalten und beeinflussen. – All das sind Aspekte von Identität.

Wir können unser Denken und unsere Identität selbst gestalten – das wird in der Folge unser Verhalten verändern. Und wir können es aktiv selbst bestimmt tun. Dass das (ungeübt oder unbegleitet) möglicherweise nicht leicht fällt, steht außer Frage, aber es steht uns bis ins hohe Alter frei, diese menschliche Ressource zu nutzen.

Aktive Identitätsentwicklung bedeutet Verantwortungsübernahme

Wenn das der zehnjährige Junge und sein persönliches Umfeld wüsste…

Vielleicht lässt er sich in einigen Jahren ein neues T-Shirt drucken:

  • „Ich bin nicht mehr der, der ich war.“ oder
  • „Ich bin der, der ich sein wollte. Ich bin ich.“ oder
  • „Bereits morgen werde ich ein anderer sein. Aber ich werde ´Ich bin ich´ bleiben. Denn ich bin der, der sich kontinuierlich verändert. Ich werde für mich der Gleiche sein und dennoch immer wieder neu.“ oder
  • „Ich veränderte meine Vergangenheit, ich gestalte meine Gegenwart und bereite meine Zukunft vor“.

Ihm wird es dann nicht passieren, wenn er sich im Spiegel anschaut, dass er sich selbst eingestehen muss „Traurig grüßt der, der ich bin, den, der ich sein wollte.“

Vielleicht trägt er auch viel lieber und mit Stolz geschwellter Brust das T-Shirt:

„Ich bin selbst verantwortlich für mich und mein Verhalten, für die Gestaltung meines Lebens und meiner Zukunft“.

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Anmerkungen und Literaturhinweise:

  • Abels, Heinz: Interaktion, Identität, Präsentation. Kleine Einführung in interpretative Theorien der Soziologie; VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2007.
  • Abels, Heinz: Identität; VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2010.
  • Hüther, Gerald: Die Macht der inneren Bilder. Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern; Verlag Vandenhoeck & Ruprecht; 2006.
  • Keupp, Heiner; Höfer, Renate: Identitätsarbeit heute. Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung; suhrkamp taschenbuch wissenschaft; 1997.
  • Keupp, Heiner; Ahbe, Thomas; Gmür, Wolfgang; Höfer, Renate; Mitzerlich, Beate; Kraus, Wolfgang; Straus, Florian: Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne; Rowohlts Taschenbuch Verlag; 2006.
  • Krappmann, Lothar: Soziologische Dimensionen der Identität. Strukturelle Bedingungen für die Teilnahme an Interaktionsprozessen; Klett-Cottta; 2005.

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Aspekte der Identitätsentwicklung lesen Sie auch in:

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Der Inhalt des Artikels „Identität und Veränderung“:

  • wurde inspiriert von neuesten Forschungsergebnissen der Soziologie, der Gehirnforschung und dem Denkmodell der Logical Levels bzw. des Logical Level Systems von Robert Dilts und Gregory Bateson.
  • Er ist geprägt von meiner Erfahrung als Coach von Einzelpersonen, insbesondere durch die Zusammenarbeit mit Klienten, die ich bei der Weiterentwicklung ihrer Identität begleite. Er ist gereift durch aktive Identitätsentwicklungsarbeit mit Einzelpersonen und Teams insbesondere im Personal Identity Development Process – PIDP® und im Corporate Identity Development Process –CIDP®
  • Er ist beeinflusst von der täglichen Praxis als Coach von Teams, Abteilungen oder Geschäftsbereichen, die Ihre Visionen realisieren wollen, Unterstützung bei Verhaltensveränderungen wünschen und die ihre Identitätsveränderungsprozesse zielunterstützend beschleunigen wollen.
  • Er wurde genährt vom gemeinsamen Wachsen zusammen mit meinen Auftraggebern, visionären Leadern und performance-geprägten Teams.

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Alle Rechte zur Veröffentlichung dieses Artikels liegen beim Verfasser. Er darf in unveränderter Form als Pdf-Datei mit Angabe des Verfassers weitergegeben werden.

Den Artikel finden Sie auf der Webseite www.SourceOfPerformance.de.
Weitere Informationen über den Autor sind unter www.partner-PE.de

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Unsere Dienstleistungen für Einzelpersonen, Teams, Abteilungen und Unternehmen:

  • Begleitung von Veränderungsprozessen und Identitätsentwicklung
  • Finden, Gestalten und Hineinwachsen in neue Identitäten
  • Zusammenwachsen von Unternehmen oder neuen Abteilungen
  • Hineinwachsen in neue Rollen und Aufgaben als Führungskraft
  • Bewältigung von Anpassungsprozessen an Paradigmenveränderungen (neue Rahmenbedingungen) Ihrer Umwelt

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Quellenangaben:

Bild „Fingerabdruck“ ist von www.pixabay.de

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Autor:

Partner für Personalentwicklung Hans-Peter Wellke

  • Motivationale, sinnstiftende Identitätsentwicklungsprozesse für Einzelpersonen und Teams (PIDP® und CIDP®) www.PIDP.de
  • Personal- und Organisationsentwicklung für gestaltungsaktive Führungskräfte und deren Organisation
  • Lebenslange Begleitung von Gestaltern, Machern und Beeinflussern auf ihrem Karriereweg

Eizisried 4, 87477 Sulzberg Tel. 08376 – 92 17 44, Fax 08376 – 92 17 45, www.SourceOfPerformance.de, wellke@partner-PE.de, www.partner-PE.de

 

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